Die Taschengeldfrage

Die Taschengeldfrage

Es gibt kaum ein ermächtigenderes Gefühl, als eigenes Geld zu haben. Sich kaufen zu können was man gerade will und braucht.

Die kleine Kornblume bekommt mit ihren 6 Jahren einen Euro pro Tag.

Warum das so ist, darum geht es in diesem Artikel.

Jedes Elternteil kennt die Diskussionen über die Frage, ob und wieviel Taschengeld es für Kinder in welchem Alter geben sollte. Oft wird die sogenannte Taschengeldtabelle dafür zu Rate gezogen. Warum dem so ist, verstehe ich nicht. Der Tabelle zufolge bekäme die kleine Kornblume 1 bis 2 Euro die Woche. Was sie sich davon kaufen soll oder wie ihr diese Summe die Möglichkeit des sparens geben soll wird mir nicht klar.

Weiterhin empfielt die Taschengeldtabelle abzuklären, wofür das Geld ausgegeben werden soll und was weiterhin von den Eltern getragen werden wird.

In dieser Liste finden sich Spielsachen, Süßigkeiten, Zeitschriften und außerplanmäßige Freizeitaktivitäten wie z.B. ein Zoobesuch.

Ja das ist echt genau mein Humor. Ein Süßgebäck beim Bäcker fängt bei etwa 1,20 Euro an, eine Zeitschrift kostet um die 5 Euro und ein Zoobesuch in Nürnberg 7,70 Euro. Schon einen Kugel Eis kostet heute mehr als einen Euro. Pech gehabt.

Über den Lerneffekt für ein Plundergebäck beim Bäcker zwei Wochen sparen zu müssen, sich keine guten Süßigkeiten sondern nur den billigen Kram für ein paar Cent zu kaufen oder für eine Kinderzeitschrift mehr als einen Monat sparen zu müssen, kann ich mich nur wundern. Besonders und gerade wenn die Familie sonst einen anderen Standard pflegt.

Das erscheint mir für das Land mit dem größten Billiglohnsektor Europas irgendwie unfreiwillig passend. Zu wenig Geld um wirklich etwas damit anfangen zu können, aber genug um den Großen das Gefühl zu geben, etwas gutes zu tun und eine Lernerfahrung zu ermöglichen. Muss nur ich an die Politik denken?

Somit ist das Taschengeld ein rein symbolischer Akt. Mehr Schein als sein. Mehr Beruhigung des Gewissens als echte Möglichkeit.

Ein anderes Argument ist oft, dass Kinder nicht mit Geld umgehen können und es lernen müssen. Um etwas zu lernen, muss aber überhaupt die Möglichkeit bestehen, Lernerfahrungen zu machen. Es hat noch kein Mensch Schwimmen gelernt, indem er sich eine Postkarte vom Meer angesehen hat. Wer schwimmen lernt, muss Wasser schlucken dürfen.

Lernen mit Geld umzugehen bedeutet eine sichere Umgebung zum Lernen zu schaffen. Das heißt, die Möglichkeit zu geben, Fehler zu machen ohne dass diese Fehler schlimme Folgen für den lernenden Menschen haben.

Wenn ich einen Euro pro Woche habe und die von mir gekaufte Süßigkeit beschissen schmeckt, ist das mehr als bitter. Wenn ich jeden Tag einen Euro habe, ist die Süßigkeit zwar immer noch eklig aber ich kann mir zeitnah einen Ersatz dafür beschaffen. Der Fehler ist der selbe. Die Konsequenzen gleich ganz andere.
Sicherheit ist ein ganz wichtiger Faktor um sich auszuprobieren und selbst entdecken zu können.

Beim sparen lernen, geht es darum, dass Kinder lernen, dass wenn sie das Geld über das sie aktuell verfügen nicht ausgeben, sie es für später zu Verfügung haben und sich so die Möglichkeit bietet das Geld im laufe der Zeit zu vermehren. Wenn jedoch so wenig Geld vorhanden ist, dass kaum die aktuellen Wünsche erfüllt werden können, dann führt das zwar auch zu einer gewissen Sparsamkeit aus der Not heraus, über den anhaltenden Lerneffekt lässt sich aber spätestens dann streiten, wenn mehr Geld zu Verfügung steht. Das Verhältnis zu Geld und Konsum ist in einer kapitalistischen Welt wie der unsrigen, die so sehr auf andauernden Konsum angelegt ist, etwas das Zeit braucht sich zu entwickeln.

Zu verstehen, dass nicht alles was Glück verspricht auch glücklich macht, dass manches was toll erscheint sich auf den zweiten Blick als ungeeignet oder nutzlos herausstellt, ist auch etwas, das uns nicht in die Wiege gelegt wird und womit wir Erwachsenen auch täglich konfrontiert sind. Werbung verspricht uns durch den Erwerb von Produkten ein Lebensgefühl. Dem Reiz das zu glauben, sind wir alle täglich in unzähligen Formen ausgesetzt.

Auch, dass der Wert den etwas für uns hat, nicht immer der Wert ist, welcher der Sache finanziell beigemessen wird oder das der Preis nicht immer ein taugliches Maß für Qualität darstellt, ist etwas dass entweder dogmatisch erlernt oder erfahren werden kann und muss.
Diese Erfahrungen müssen jedoch ermöglicht und zugelassen werden.

Wie schwierig diese Lektionen sind, merken wir oft genau an uns selbst oder stellen sie bei Beobachtungen unserer Umwelt fest.

Sparen bei Kindern ist wie sparen bei uns großen. Wir können nur sparen, was wir aktuell nicht brauchen um unsere Bedarfe zu decken. Mit einem Euro in der Woche ist nach einer Tüte Süßkram im Angebot Schluss und es bleiben nur Cent übrig. Bei einem Euro am Tag ist die Tüte Süßkram drin und es kann für etwas größeres gespart werden, das gewollt wird und es besteht die Möglichkeit, Geld das nicht gebraucht wird, einfach nicht auszugeben.

Klar hängen die Möglichkeiten des Taschengelds mit den finanziellen Möglichkeiten der Familie zusammen. Ein weiteres Problem der oben genannten Tabelle. Wenn nicht mehr geht, geht nicht mehr. Jedoch für die Fälle, in denen der Standard der Familie eben nicht aus Produkten der günstigeren Kategorien bestehen, könnte man sich fragen, warum das Kind nicht den bekannten innerfamiliären Standard beibehalten dürfen sollte. Warum sollte dem Kind durch die geringeren Mittel dann noch innerhalb der Familie materiell eine Sonderstellung zugewiesen werden?

Wenn die kleine Kornblume die Möglichkeit hat zu sparen, erspare ich mir Diskussionen über die Anschaffung von Dingen, die ich nicht tätigen will. Das nächste Playmobilset, eine Pizza vom Lieblingsitaliener weil das Abendessen doof ist oder ein Kulli mit Farbwechselmine, weil sie ihren nicht mehr finden kann. Das alles fällt nicht mehr in meinen Bereich.

Und ich lerne auch etwas. Ich lerne zu ertragen, dass mein und ihr Geschmack, Wünsche und Bedürfnisse voneinander verschieden sind. Ich lerne zu ertragen, dass sie frei über ihr Geld verfügt und sich Dinge kauft, die bei mir für Kopfschütteln und Fragezeichen sorgen, an denen sie sich jedoch erfreut.

Ich will nicht, das mein Kind völlig von meinem Gutdünken abhängig ist und nur haben kann, was ich gut finde oder akzeptiere. Meiner Meinung nach haben Kinder auch ein Recht auf Dinge, die den Eltern nicht in den Kram passen. Das ist auch ein Teil des größer und erwachsen werdens für die Kinder und ein loslassen für uns Eltern.

So entwickeln wir uns gemeinsam weiter. Sie wird groß und ich begleite sie dabei.



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