Atmen und eins sein

Atmen und eins sein

Heute morgen stand ich um 5 Uhr auf. Machte mich fertig, nahm meinen Kram und schnappte mir ein Sharing-Bike.
Los geht’s.
Es ist noch dunkel und um diese Zeit klingt die Stadt anders. Sie hat diesen Geruch, den sie nur zu dieser Tageszeit hat.
Der Sonnenaufgang kündigt sich an und die Nacht verabschiedet sich.
Die Geräusche sind gedämpft und das Brummen der Autos verschwindet als kleine Lichter.
Ich radle durch die Stadt.
Es ist kaum etwas los und ich habe rote Welle.
Immer, wenn ich nachts oder in den frühen Morgenstunden an einer menschenleeren Kreuzung an einer roten Ampel stehe, muss ich an Ted Kaczynski denken.
Ich stehe.
Ich denke.
Und ich warte.
Jedes mal.

Es ist nicht mehr weit und ich freue mich auf die Sonne.
Das Licht.
Darauf, die bunten Bäume zu sehen.
Ist der Herbst wirklich trüb und grau?
Nein.
Nicht nur.
Das Positive sehen.
Bunte Blätter.
Manchmal brauche ich nur bunte Blätter.

Gestern beim Buchen meines Tickets für’s Frühschwimmen, dachte ich, ich wäre eine von wenigen.
Einige Minuten vor Einlass stelle ich fest, dass ich die letzte in einer ganzen Schlange von einzigen bin.
Ich hoffe, dass es sich im Bad verläuft.
Ich freue mich, nicht so verloren zu sein.
Viele in der Schlange scheinen sich zu kennen.
Die Menschen, die alle ihren Abstand zueinander halten, scheinen sich in zwei Gruppen aufzuteilen.
Ältere, die die Ruhe im Bad genießen und jüngere, die ein paar Bahnen oder Kilometer runterballern wollen.
Heute bin ich beides und nichts.
Auch irgendwie herbstlich.

Es ist mein erster Besuch in diesem Bad seit langer Zeit.
Bargeld habe ich kaum noch bei mir, und so habe ich auch keines für meinen Spind.
Die nette ältere Dame, die vor mir in der Schlange stand, gibt mir einen Euro.
Kleine Geste. Große Rettung.
Ich verspreche ihr, ihr diesen Euro wieder zu geben.
Ihren Namen kenne ich nicht.

Ich schwimme Bahnen.
Runde und Runde um Runde.
Mag wie sich mein Körper im Wasser anfühlt.
Genieße meine Wasserlage.
Höre mich atmen.
Wasser.
Ich bin.
Einfach so und ich schwimme.
Runde um Runde um Runde.
Bahn um Bahn.

Im Nichtschwimmerbecken treffe ich meine Retterin wieder.
Ich bedanke mich nochmals.
Ohne ihre Hilfe, wäre das hier nicht so.
Nicht so leicht.
Nicht so schwerelos und gedankenbefreit im Wasser.

Das Außenbecken ist auf.
Ein See aus dampfendem Nebel, blauem Leuchten und gedeckten Stimmen mitten in den Lichtern der Dämmerung.
Noch ist es dunkel.
Autos fahren vorbei.
Lichter in den Häusern rings um gehen aus und an.
Ich liege im Wasser.
Schwerelos, so völlig eins mit meinem Körper, meinem Atem und mir.

Ich weiß, dass ich wieder komme.
Zum Wasser.
Mit einem extra Euro.
Gehe und bin glücklich.
Ganz in mir.





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