Original oder Übersetzung?

Original oder Übersetzung?

Ich versuche Werke immer in ihrer Originalversion zu lesen. Warum und was ich mache wenn das nicht geht:

Wir können nur denken, wofür wir Worte haben.

Sprache ist mehr als Worte und derer Aneinanderreihung. Ich habe den Eindruck, es bringt mich dem, was der Mensch der das Buch bzw. den Text geschrieben hat, näher.

Das von Antonia gebrachte Beispiel mit Hannah Arends “Eichmann in Jerusalem” ist für mich ein gutes und klassisches Beispiel. Hannah Arendt war Deutsche und hat viel auf Deutsch verfasst. Aber nicht alles. Das Buch beschäftigt sich mit dem Eichmannprozess 1961, erschienen ist es 1963. Also zu einer Zeit, als Arendt schon mindestens zwanzig Jahre in Amerika lebte. Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit, in der sich für Menschen viel verändert. Gerade auch sprachlich, wenn Menschen das Land ihrer Heimatsprache verlassen.

Keine deutsche Übersetzung

Für viele Bücher, die ich interessant finde, gibt es einfach (noch) keine deutsche Übersetzung. Mir fallen spontan eine ganze Reihe Bücher ein, von denen ich eine deutsche Übersetzung bitter vermisse. Ich denke da z.B. an “Why Does He Do That?: Inside the Minds of Angry and Controlling Men” von Lundy Bancroft oder “The Master and His Emissary: The Divided Brain and the Making of the Western World” und “The Divided Brain and the Search for Meaning” von Ian McGilchrist. 

Lost in translation

Der für mich wichtigste Grund, ist die Tatsache dass in den Übersetzungen die sprachliche Schönheit oft auf der Strecke bleibt. Was bei Fachbüchern weniger schlimm ist, funktioniert bei Literatur schon weniger gut und kollabiert bei Lyrik und co. dann völlig. Weil es eben nicht nur um die Worte geht. Es geht um Melodie, Rhythmik und den Fluss der Worte. Rûaḥ (חַוּר), wenn man so will. Das ist etwas, dass sich nicht 1:1 in eine andere Sprache übertragen lässt.

Wie wichtig eine gute Übersetzung ist, habe ich erkannt, als ich als Teenager die alten Griechen entdeckt habe. Die Qualität der Übersetzungen unterscheidet sich zum Teil enorm. Eine schlechte Übersetzung verändert ein Werk und entstellt es im schlimmsten Fall. Ich bin irgendwann dazu übergegangen auf englische Übersetzungen der Texte zurückzugreifen, da es auf Englisch einfach mehr Sekundärliteratur dazu gab und sie mir näher waren. Ich bin immer noch Fan der Loeb Classical Library.

Eine gute Übersetzung fordert vom Übersetzer einiges ab. Er wird quasi zum Coautor des Werkes. Und dafür reichen meiner Meinung nach Sprachkenntnisse allein nicht aus. Erst ein Verständnis des Werks, vom kulturellen Zusammenhang, historischen Gegebenheiten und sozialen Strukturen kann das ganze Komplett machen.

Andere Versionen

Wenn ich andere Übersetzungen lese, schlage ich gerne meine Lieblingsstellen nach, um zu sehen wie mit ihnen umgegangen wurde. Jede Übersetzung ist ein Versuch des Übersetzers, sich dem Originaltext zu nähern. In dem was geschrieben steht, und in dem was nicht geschrieben steht aber trotzdem da ist.

Montagsfrage

Ich bin nach langem mal wieder bei der Montagsfrage dabei. Das war mein Beitrag zu Montagsfrage #113 – Wie hoch ist euer Leseanteil in einer Fremdsprache und warum lest ihr nicht die Übersetzung?

Zu Montagsfrage #113 und allen anderen Antworten geht es hier entlang.



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